Samstag, 4. August 2012

Sonntag 2002-08-04 | DAS ELEKTRONISCHE RADIO

Der elfte Tag: Saarbrücken/Koblenz/Köln/Essen/Dortmund/Essen/BAB 3 Raststätte Hünxe

"In Saarbrücken fand ich die Raststätte meiner Reise, auf der am wenigsten los war." - So werde ich später zitiert werden. Zum Abschluss des gestrigen Geschichte, hatte ich schon Douglas Adams zitiert und ich bleibe dabei, obwohl inzwischen die Sonne einen neuen Tag beleuchtet.

Nur Trucker sagten sich hier gestern Abend "Gute Nacht"; Fuchs und Haase sind längst vor Langeweile gestorben. Folglich findet man im Innern der Raststätte alles, was dem Klischee nach das Truckerherz begehrt. Blinkende Lämpchen, Fensterdekorationartikel, kleine Fernseher, Schals mit Namen wie "Iveko", "Werner" oder "Türkei", jede Menge Hefte mit frierenden Damen auf dem Titelblatt, die Chrom liebkosen, es gibt CB-Funk Accessoires, Kaffee pur, Kaffee als Dosengetränk, Kaffee in Schokoladenform, Kaffee als Tablette. Ich muss mich hier ernsthaft fragen: sind Trucker denn tatsächlich so, wie es das Klischee vorgibt? Wenn ja, dann erleben sie hier "Stille Tage im Klischee", wie es Sankt Otten versprechen.

Über Koblenz, Köln und Essen fahre ich nach Dortmund - Ankunft am Mittag. Obwohl oder gerade weil am frühen Morgen, so gegen fünf oder sechs Uhr, hier das "Juicy Beats"-Elektronik-Festival im Westfalenpark zu Ende gegangen war (man konnte es im gesamten Ruhrgebiet über die Uni-Radios hören - und falls Sie es noch nicht wissen: ich höre gerne Radio), sah man in der gesamten Innenstadt, vor allem aber in Bahnhofsnähe, die Nachwirkungen der Elektromusik auf den menschlichen Körper: Die Techno-Beats noch in den Köpfen, lagen überall Raver zwischen Beeten und Büschen. Ob dies wirklich die Antwort des Ruhrpotts auf die Berliner Loveparade sein soll? Noch dazu, wo Klaus Schulze heute 55 Jahre alt geworden ist. Wirklich schade - ich wäre gerne gestern mit dabei gewesen. Aber wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Beziehungsweise der Anblick der in Dortmund gestrandeten Raver.

Ich würde mal sagen: 25 % schliefen friedlich im Freien, 40 % in der Chillout-Lounge des passenderweise technisch und zugleich kalt wirkenden Bahnhofs und 35 % hüpften wie die Affen durch die Innenstadt, hangelten von Baum zu Baum und versuchten die unerwarteten Nebenwirkungen pharmazeutischer Präparate auszuhalten. Das "größte deutsche Festival elektronischer Musik" hatte tags zuvor 10.000 Besucher angelockt, vermeldete das Ruhrpott-Radio. Halb so viel wie erwartet. Der Regen am Nachmittag, so die Veranstalter, sei dafür verantwortlich. Klar: Irgendeinen Grund gibt es immer und das Wetter ist schließlich höhere Gewalt. Da braucht man sich dann offiziell keine Gedanken mehr über Veranstaltungsmängel zu machen. Nur noch um das in den Kassen fehlende Geld.


Weiter geht es von Dortmund nach Holland. Auf dem Weg über die Autobahn höre ich weiter Radio und zwar, das ist doch keine Frage, holländische Sender. Das ist Pflicht, denn die Niederlande haben ja schließlich eine echte Radiokultur. Da gab es zum Beispiel einst "Radio Veronica", dem ersten echten Piratensender, der in den frühen Siebziger Jahren von einem Schiff außerhalb der 3 Meilenzone vor Hollands Küste das sendete, was andere Sender nicht spielen wollten oder konnten. Bei "Veronica" konnte man aber seinerzeit nicht nur Musik hören. Man bekam auch, jedenfalls, wenn man zuhörte, alles erklärt, was man rund um die Musik wissen musste. Das war damals einmalig und gehört in der heutigen Zeit zum Pflichtprogramm jedes guten Senders in Europa.

Überhaupt erklären die Holländer ihren Zuhörern im Radio sehr viel. Wenn zum Beispiel in Israel eine Autobombe explodiert und Menschen sterben, dann ist diese traurige Nachricht den Radioleuten in Haarlem mindestens folgende Erklärung wert (Anmerking: De nachfolgende Word wurden von mir in Ermangeling von de Kenntniss der wirkliche Worde nederländischer Sprak dramadisierend nachempfonde!):

"In Israel is vor wenigliche Stonde enne Expolsioon geweese. Et hat moiglicherwese ooch einige doode gegewwe. Man weerd aber noch de weitere Entwickling abwoorde misse. De Explosioon scheint von ener Bombe geweese tu sin, die in enne Automobeil deponeert gewoorde iss."

Diese Art der jahr(zehnt)elangen positiven Berieselung hat meiner Ansicht dazu geführt, dass die Menschen der Niederlande eine gute Allgemeinbildung und jede Menge Hintergrundwissen besitzen. Von den Entwicklungen im Sport und im Musik- und TV-Showbuisiness einmal ganz abgesehen. Auch die Stufe der lockeren Radioberichterstattung, die man in den Niederlanden inzwischen erreicht hat, ist erstaunlich. In einer Reportage über Straßenmusikanten in Uttrecht werden auch die Zuhörer befragt und die geben gerne Auskunft darüber, warum sie den wackeren Musikanten nur 2 Cent gegeben haben. Und der Eindruck bleibt: Die Holländerinnen und Holländer sind immer gut drauf und haben keine Hemmungen über alles zu sprechen. Tabus gibt es kaum, aber immer kommt das, was man sagt und empfindet, irgendwie nett über den Äther rüber.

Ich bin heute am Abend etwas müder als sonst. Warum dies so ist, das kann mein Körper mir nicht sagen. Aber er ruft nach einer "Auberge" ... Sie wissen schon. Die Raststätte Hünxe kommt da wie gerufen und ich lege mich erschöpft schlafen. Schnell schlafe ich ein und träume sogleich von einem Radio, das immer und immer wieder Kraftwerks "Autobahn" abspielt. So lange, bis es selbst zu einer Autobahn wird, mit Radiostationen als Raststätten. Oder sind es rot-weiß-getreifte Leuchtturm-Pylone? Ich stehe am Rande, eine lange Pfeife im Mund wie Jacques Tati, und wundere mich über die Geschwindigkeit, mit der der Fortschritt fortschreitet. Selbst wenn es nur im Traum war.

Losung am 04. August

"La musica ideas portara
y siempre continuara
Sonido electronico
Decibel sintetico"
(Kraftwerk)

Freitag, 3. August 2012

Samstag 2002-08-03 | VERDUN LEBT

Der zehnte Tag: Verdun/Metz/Saarbrücken

Stille!

Ich habe Verdun besucht. Schon gestern Abend war ich kurz vor Geschäftsschluss in der Stadt und ihren Geschäften. Verdun ist eine schöne kleine Stadt mit schönen kleinen Geschäften und einem schönen kleinen Yachthafen. Verdun liegt nämlich an der Meuse. Um Irritationen schon jetzt vorzubeugen sei gesagt, dass dieser Fluss in Frankreich nicht so ausgesprochen wird, wie ihn kleine dumme deutsche Jungen aussprechen würden. Und überhaupt: Für die Deutschen hieß der Fluß hier schon immer anders. "Von der Maas bis an die Memel..." heißt es in einer Strophe im "Lied der Deutschen", die wir heute nicht mehr singen wollen, und die Meuse ist, na klar, die Maas.

Etwas erschreckt hat es mich schon, dass gleich nach dem Ortseingangsschild mit dem schaurigen Namen "Verdun" (aha, denkt man: Jetzt ist man also da!) das unsägliche gelbe "M" eines amerikanischen Fast-Food-Riesen zu sehen ist. Kann das passen? Ein Hamburgerrestaurant gleich neben blutdurchtränkten Schlachtfeldern? Um es vorweg zu nehmen: es kann und das sogar ganz gut, den zumindest die Jugend von Verdun hat ihren eigenen Frieden gemacht mit der Geschichte und hätte wahrscheinlich schon fast vergessen, was in ihrem Ort, in ihrer Stadt irgendwann einmal passiert ist, wenn, ja wenn, sie nicht auf jedem Zentimeter ihrer Stadt daran erinnert werden würde. "Verdun, la vie" / "Verdun, Leben" ist überall zu lesen und weshalb auch sollte Verdun nicht leben.

Es scheint für Verduns Stadtväter (...und auch Stadtmütter, denn, da war doch was mit "egalite" oder?...) gute Gründe zu geben, dies immer und immer zu wiederholen. Die gilt es für mich, heute herauszufinden. Also fange ich einmal ganz von vorne an: Weshalb verbindet man auf der ganzen Welt den Namen und den Ort "Verdun" mit dem Gegenteil von Leben?

EIN KLEINER AUSFLUG IN DIE WELTGESCHICHTE

Im Sommer 1914 ist es, als in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet werden und ein mörderisches Schachspiel entbrennt. Am 28. Juli 1914 erklärt das Kaiserreich Österreich-Ungarn dem Staate Serbien den Krieg. Russland steht Serbien bei und erklärt umgehend Österreich den Krieg. Deutschland steht Österreich bei und der Deutsche Kaiser Wilhelm der II. von Gottes Gnaden erklärt erst Russland den Krieg und heute vor genau 88 Jahren, am 03. August 1914, auch der Grande Nation.

Als Deutschland einen Tag später auch noch das bis dahin sich neutral verhaltende Belgien überfällt, greift England in den Krieg gegen Österreich-Ungarn und Deutschland ein - ein Weltkrieg ist entstanden; weitere Länder folgen, darunter die Türkei und die Vereinigten Staaten von Amerika.

Bei Verdun will die deutsche Kriegsmacht nach Frankreich vorstossen, um nach Überwindung der französischen Verteidigungslinien schnell Paris zu erreichen, wie man das 1870/71 bereits einmal geschafft hatte. In Verdun steht deshalb auch die Hauptmacht der französischen Defensive und leistet erbitterten Widerstand. Die Truppen ddes Kaisers rennen sich fest: ein Stellungskrieg entbrennt, bei dem der jeweilige Sieger immer nur wenige hundert Meter weit vordringen kann - um dann verlusstreich wieder zurückgedrängt zu werden. Das geht nicht nur einen ATg lang so, eine Woche oder eonen Monat, nein, es wird Jahre lang so fortdauern.

Der Erste Weltkrieg fordert insgesamt bis zu seinem Ende im Herbst 1918 über 10 Millionen Menschenleben und wegen des Einsatzes von Giftgas, Flammenwerfern und Splittergranaten noch einmal doppelt so viele Verwundete. 30 Millionen Opfer hat der Doppelmord eines einzigen Attentäters der bosnisch-serbischen nationalistischen Bewegung zur Folge. Und dabei zählten Verdun und sein Fort Douaumont zu den schrecklichsten Orten dieses Landkrieges.

Das Fort Douaumont zu bauen kostete die Französische Republik einst 6,1 Mio. Francs in Gold und es war damit eines der teuersten Kriegsanlagen der Franzosen. Fort Douaumont bot einer Garnison von 417 Soldaten und 6 Offizieren Raum. 1913 war es fertig geworden. Aus taktischen Gründen beschließt die französische Armeeführung rund ein Jahr nach Kriegsbeginnam, das Fort mittelfristig aufzugeben, die Garnison wird langsam aufgelöst, die Vorräte aufgebraucht, die Munition mitgenommen. Kanonen und Geschütztürme werden ebenfalls entfernt und man lässt die Deutschen das Gelände um das Fort einnehmen.


Am 21. Februar 1916 war die Sache abgeschlossen und bereits am 25. Februar 1916 konnten sich Deutsche Soldaten ungehindert in Fort Douaumont bewegen. Allerdings begannen die Franzosen ab dem 26. Februar 1916 Fort Douaumont Tag um Tag mit jeweils fast 4.000 Schuss vom Kaliber 155 bis 400 zu beschießen. Am 08. Mai 1916 kommt es während des Beschusses der Franzosen in den Katakomben von Fort Douaumont zu einer Katastrophe.

In das für maximal 500 Soldaten ausgelegten Fort sind in den Tagen zuvor immer mehr verwundete Deutsche Soldaten gebracht worden. Fast 2.000 Deutsche sind an diesem 08. Mai 1916 in Fort Douaumont. Früh am Morgen erschüttert eine starke Explosion das Fort; ein Granatendepot war explodiert und hatte ein in der Nähe untergebrachtes Flammenwerferdepot entzündet. Eine Feuerwalze bewegte sich in Sekundenschnelle durch die unterirdischen Gänge es Forts. 800 bis 900 Soldaten verloren innerhalb von Minuten ihr Leben. Außerhalb des Forts konnte diese Menge an Leichen wegen des französischen Beschusses nicht bestattet werden. Deshalb wurden sie auf Befehl des Deutschen Oberkommandos in zwei Kasematten gelegt und eingemauert.

Durch Spione von dieser Schwächung des Forts unterrichtet, verstärkten die Franzosen ihre Angriffe und ab dem 22. Mai 1916 gelang es ihnen, das Gelände um Fort Douaumont Meter für Meter und unter erheblichen eigenen Verlusten an Soldaten zurück zu erobern. Es dauert noch bis zum 24. Oktober 1916, bis das Fort wieder ganz in der Hand der Franzosen ist und bleibt.

Unweit des Forts befinden sich die Gedenkstätte mit den großen Soldatenfriedhöfen und das sogenannte "Beinhaus". In Beinhaus liegen die Gebeine von 130.000 Soldaten, die in seinem unmittelbaren Umfeld gestorben sind. Ich fahre durch einen Wald, der das Ortsschild "Douaumont" trägt. Hier war vor dem ersten Weltkrieg das Dorf gewesen, welches dem Fort seinen Namen gegeben hatte. Während der Kämpfe um das Fort, vor allem aber beim Rückzug der Deutschen Soldaten, war das Dorf - wie es so schrecklich heißt - "...dem Erdboden gleichgemacht..." worden. Und man sieht genau hier, was diese Floskel bedeutet; das Dorf wurde nie wieder aufgebaut.

Am Ende des Waldes wird es urplötzlich wieder hell um mich herum. Jetzt sind das Beinhaus und Abertausende von Steinkreuzen zu sehen. Vor dem Beinhaus angekommen steige ich aus und habe einen Überblick auf das Gelände, dessen Erde fast drei Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes blutgetränkt war. Hier also haben sich die schlimmsten Tragödien des Krieges abgespielt, in den Frankreich von Deutschland vor genau 88 Jahren gezogen worden war. "Silence" / "Stille" fordert man im Innern des Beinhauses vom Besucher obwohl das beinahe nicht notwendig ist: Es fehlen einem die Worte!


Die Überreste von 130.000 Menschen, mehr als alle Männer und Frauen und Kinder jeder kleineren Großstadt in Deutschland oder Frankreich, sind hier in diesem einen Haus gesammelt worden. "Wer zählt die Völker, nennt die Namen?" scheint Schiller zu rufen und Bob Dylan antwortet ihm "The answer, my friend, is blowin in the wind. The answer is blowin in the wind.“ - Aber da war doch noch etwas, denke ich. Etwas, das ich als Jugendlicher dreißig Jahre zuvor hier gesehen und was mich seit damals nicht mehr in Ruhe gelassen hatte.

Wieder vor dem Beinhaus schaue ich minutenlang ratlos am Sockel entlang. Wo sind die kleinen Fenster am Sockel des Beinhauses, denke ich. Und als ob er geahnt hätte, was ich suche, winkt mich ein älterer Mann zu sich. Auf französisch fragt er mich mit konspirativer Stimme etwas, aber ich verstehe es nicht. Trotzdem sage ich kurz und knapp "Oui!".

Zusammen laufen wir um das Beinhaus herum und etwa in der Mitte zwischen dem Seitenflügel und der Basilika geht er plötzlich auf die Knie und ich tue es ihm gleich. Und richtig, hier, auf der Rückseite des Beinhauses sind sie, die Fensterchen, die es dem Betrachter erlauben, einen Blick in das Dunkel unter der Treppenflucht des Beinhauses zu wagen.

Da liegen sie: Die Überreste der 130.000 Gefallenen. Knochen, Schädel, Rippen, Finger- und Fußglieder, Wirbel, Hüften, Gelenkknochen. Wir, der Franzose und ich, schauen sie an und die Augenhöhlen der Schädel blicken auf uns. Und verbinden schon wieder alles miteinander. Für immer. Auch mich und den Franzosen, der denkt ich sei ebenfalls Franzose, sein Landsmann. In diesem Moment erkenne ich, warum und wofür was "Verdun lebt": hier sind wir beide Europäer.

Am Abend verlasse ich die Stadt und fahre über die Autoroute nach Sarrebruck - ohne irgendeine Grenzkontrolle. Ich muss daran denken, dass dies zu der Zeit undenkbar schien, als die 130.000 Soldaten noch lebten. So ändern sich Zeiten und Menschen. Und trotzdem heilt die Zeit nicht alle Wunden. Da hilft auch kein amerikanisches Schnellrestaurant. Und das ist auch gut so.

Gegen 23 Uhr komme ich in Saarbrücken an und schlafe wieder im Hotel Stern auf einer Raststätte am Ende des Universums. Und ich denke beim Einschlafen an die Toten und den Wunsch, dass sie sanft ruhen mögen - oder wie der Engländer treffender zu sagen pflegt: "Rest in Peace". Und natürlich in

Stille!

Losung am 03. August

"L'espace de l'esprit, là où il peut ouvrir ses ailes, c'est le silence."

"Der Raum des Geistes, an dem er seine Flügel öffnen kann, das ist die Stille."
('Saint-Ex')

Donnerstag, 2. August 2012

Freitag 2002-08-02 | KALTES KLARES WASSER

Der neunte Tag (Teil 2): Colmar/Epinal/Nancy/Verdun

Frankreich kann auch ganz anders, als gedacht. Das habe ich im Elsaß festgestellt und das zeigt sich nun auch in den Vogesen. Durch die muss man nämlich fahren um von Colmar nach Nancy zu kommen. Ich dachte mir vorher: Vielleicht existiert tatsächlich abseits der Autobahnen eine andere Kultur, die weniger hektisch, mehr beschaulich, mehr alltäglicher ist, und genauso war es. Mann muss auch nicht immer über Vittel fahren um die Vogesen kennenzulernen; Vittel ist zudem viel unscheinbarer als der Eindruck annahmen lässt, den sein Name auf dem internationalen Wassermarkt hat.

Ich fahre statt dessen mitten durch die Vogesen; allerdings fahre ich auch durch den Nebel. Der liegt als Ergebnis der letzten beiden feuchten Tage auch am frühen Nachmittag noch schwer auf den Wäldern. Wenige Fahrzeuge kommen mir entgegen, und wenn, dann mit Nebelscheinwerfern und teilweise hupend um vor noch dickeren Schwaden zu warnen. Aber ich denke mir "Alles was einmal anfängt, das geht ein ander Mal zu Ende". Die Vogesen sind halt zuallererst mal ein Gebirge und irgendwo ist das Gebirge dann am höchsten und der Nebel hat ein Einsehen.

Es ist schon so gegen vierzehn Uhr als es plötzlich und unerwartet passiert: Der Nebel reisst ab, über den Wipfeln der Bäume ist die Sonne, dazu strahlend azurblauer Himmel und einige weisse Wolken. So muss die französische Fahne entstanden sein...das Rot des Blutes der "révolution" kam dann später noch hinzu. Um mich herum sehe ich nun Unmengen von saftig grünen Tannen, gemischt mit einigen Laubbäumen und nach etwa zwanzig Minuten weiterer Fahrt sehen meien Augen einen kleiner See, noch leicht bedeckt von Nebelschwaden. das ist kurios, denke ich, denn mein Nebenhatt sich doch schon einige zeit verzogen. Ich halte an, denn das interessiert mich.

Gut, denke ich, in der Ebene gibt es Seen, die heizen sich am Tag so weit auf, dass das Wasser am frühen Morgen immer noch wärmer ist als die sie umgebende Luft. Das gibt dann Nebel. Aber hier? Vielleicht war das kalte Wasser an diesem See durch vulkanische Kräfte erwärmt worden.


Als ich aussteige fröstelt es mich. Es sind wohl nur um die 12 °C Lufttemperatur und das erklärte auch den Nebel. Langsam gehe ich zum Rand des Sees und nehme meine, man möge mir diese Blasphemie in den Vogesen verzeihen, leere Flasche "Perrier" (aber schließlich steht auf dem Etikett zu lesen: "Déclarée d’intéret public") und fülle etwas Wasser ein. Ich bin mutig genug anzunehmen, dass das Wasser trinkbar ist, vergesse jegliche Vorsicht, die man mir in meinen 43 Jahren moderner Kultur beigebracht hat, und trinke drei Schlucke des Wassers aus dem See. Es ist tatsächlich kaltes klares Wasser.

So schön ist es hier, dass ich hier gleich auch noch etwas essen will. Natürlich ein Baguette, einige "tranches" Rosette auf meiner demi-sel Butter und meinem Camembert "Moulé à la Louche de Normandie", das ganze Auto riecht inzwischen danach, denn es ist schon der dritte und gekauft hatte ich ihn als "MonoPrix Gourmet", womit auch die Handelskette verraten sei, bei der ich ihn erstanden habe. Eigentlich wollte ich doch unbedingt noch nach Nancy. Und trotzdem sitze ich immer noch hier und es ist schon bald vier Uhr am Nachmittag und ich schreibe trotz der Zeitnot auch noch all dies, was Sie hier in diesem Moment lesen können, gerade in meinen IBM-Laptop. Kaum zu fassen - weder in Worte noch Gedannken. Ein Sinnspruch passt hier, er ist von Budda und Mike Korff hatte ihn mir gestern mit auf den Weg gegeben: "Suche nicht den Weg zum Glück, denn das Glück ist der Weg." Wie wahr! - Vielleicht verstehen Sie mich ja besser, wenn Sie auch einmal in die Vogesen fahren, an einem See sitzen, Käse essen und den Moment genießen.


Eine Geschichte lohnt es noch zu erzählen, weil sie, obwohl recht kurz und im Grunde unbedeutend, mir genau so passierte. Als ich vorgestern auf einer Raststätte in der Bourgogne war, hielt hinter mir ein junger Mann mit einem braunen Autmobil und direkt hinter ihm ein silbernes Automobil, dem zwei Polizisten entstiegen. Beide aber nicht im gleichen Zivil, wie ihr Fahrzeug sondern es waren richtige Flicks mit dem blauem Hut, den ich früher immer den Fremdenlegionären zurechnete, und der originalen Uniform französischer Polizisten. Derart unauffällig sind also Frankreichs Zivilbeamte, wenn sie Verbrecher jagen; hier waren sie wohl auf der Jagd nach einem gefährlichen Terroristen, denn als der junge Mann seine Papiere präsentiert hatte, fuhren beide wieder unverrichteter Dinge davon. Ebenso wie der junge Mann schaute auch ich ihnen lange hinterher, denn man weiss ja nie, ob nicht vielleicht doch noch irgend etwas ungewöhnliches passiert.

Hier in den Vogesen aber war ich vor derart Zwischenfällen sicher. Und ich genieße die Ruhe und Abgeschiedenheit und fange an zu träumen. Nachdem ich so gegen halb fünf Uhr ausgeträumt und meinen Abfall sorgfältig wieder im Fahrzeug verstaut habe, führt mich mein weiterer Weg nach Nancy. Dort halte ich aber nur kurz an und fahre dann weiter über die Landstraßen nach Verdun.

Mit dieser Stadt ist für immer eines der dunkelsten Kapitel französich-deutscher Geschichte verbunden. Vor achtundzwanzig Jahren war ich schon einmal mit einen Eltern dort gewesen. Zu jung damals, um alles zu verstehen. Jetzt, unter anderem dank meiner Lektüre Kurt Tucholskys, besuche und versuche ich Verdun ein zweites Mal. Antoines Flugplatz kann ich auch in späteren Jahren noch suchen und besuchen.

Freitag 2002-08-02 | GEDANKEN ÜBER DIE EUROPÄISCHE ESSKULTUR

Der neunte Tag (Teil 1): Colmar

In Freiburg aß ich gestern in einem wirklichen Nobelrestaurant mit dem wohlkingend-maritimen Namen "Nordsee". Es gab ein Menue aus paniertem Fulet des Seelachses an Salat von der Kartoffel und einer frischen "Sauce Remoulade". Und eine Gaudi gab es gratis dazu.

Da wagte doch tatsächlich ein älterer Herr, ich scxhätze, er war schon weit über siebzig Jahre alt, der Chefin "des Cuisines" zu sagen, dass dies hier in Freiburg (Zitat) "ein Sauladen" sei. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nämlich ein Ungeziefer auf der Toilette. "La Coucaracha" habe er, so der alte Herr, gerade eben eigenfüßig erlegt. Das brachte nun die Chefin derart in Rage, dass diese in einer Mischung aus Schwitzer-Dütsch und tiefstem Schwarzwald-Dialekt, den Mann des Restaurants verwies.

Dieser sah hierfü allerdings keinen Grund und blieb. Da versuchte die Chefin es mit dezenter Überzeugungskraft und rief die Polizei. Die kam, sah (auf der Toilette nach) und besiegte die Geschäftsführerin dadurch, dass sie die Feststellungen des Gastes bestätigte. Aber weil, wie gesagt, nicht sein kann, was nicht sein darf, war der Chefin die Sache sogleich klar: Der ältere Herr muss das Ungeziefertier selbst dort deponiert haben, sagt sie unumwunden. Warum sollte er das machen, fragte sie einer der Polizisten? - Schweigen. Um vielleicht die Zeche zu prellen, die er ja schon beim Essenfassen gezahlt hatte? - Keine Antwort der Dame.

Entschuldigen wollte sich die Dame jedenfalls nicht, der Herr hätte sie beleidigt und sich im Lokal unflätig benommen. Und nun kommt der Gag an der Saxche: Da könne man nichts machen, sagte der Polizist und verwies den Gast mit dem Ausdruck des Bedauerns des Lokales. Wenn ein Gastwirt ein Hausverbot ausspricht, dann gilt es eben, denn merke: In Freiburg ist man ja schließlich in Deutschland.

Jetzt aber ist die Schwarzwälder "Nordsee" für's Erste vergessen und befinde ich mich wieder in der "Grande Nation", erreiche gleich Colmar. Dort suche ich "Des Tanneurs Winstub", in der ich schon vor Jahren speiste, finde sie auch nach einigem Suchen. Aber dort hat man keinen Platz mehr für mich und bittet darum, das nächste Mal vorher zu reservieren. Das werde ich machen. Das nächste Mal - in zehn Jahren.


Nach einigem Suchen finde ich dann doch noch einen Ort mit Platz und Charme: "Fleurys Winstub". Madame Fleury ist eine Frau Mitten in den Fünfzigern und recht rundlich, was aber ihrer guten Laune keinen Abbruch tut. Mit jedem Gast redet sie ausschließlich französisch, nimmt aber ebenso wohlwollend in Deutsch Änderungswünsche am Essen entgegen. Ich bestelle das Touristen-"Menue Nummer 2" mit einem Zwiebelkuchen vorneweg, einer Sauerkrautplatte mit deftigem Fleisch, tränenauslösendem Dijon-Senf, verschiedenen Würsten, Kartoffeln und als Nachtisch gibt es Munsterkäse mit Trauben, einem bisschen Salat und reichlich Kümmel.

Zigaretten möchte ich noch und das löst in "Fleurys Winstub" betriebsame Hektik aus; da war doch noch was mit Zigaretten, sprich: alle denken gespannt nach und dann wird gemeinsam gesucht. Nach einigen Minuten intensiven Suchens präsentiert man mir den Humidor des Chefs. Erfurchtsvoll schaue ich zu, wie dieser geöffnet wird...und zur allgemeinen Überraschung aller Anwesenden liegen darin nicht weniger als fünf Schachteln "Marlboro Light". Trotz einiger Bedenken bezüglich der Meinung des nicht anwesenden Chefs, ob man hiervon überhaupt etwas an Gäste abgeben sollte, möchte man sich dann doch schweren Herzens von einer dieser Packungen trennen und gibt mir eine kleine Schachtel Streichhölzer dazu.

Während meines Essens, welches ich, trotz bedrohlicher Regenwolken am Himmel, vor der Winstub im Freien einnehme, bekommt Fleury Besuch. Zwei ähnlich junge Damen begrüßen sie, Fleury begrüßt zurück und man unterhält sich im besten Elsässisch. Und diesmal verstehe ich fast alles. Es sind Freundinnen, die sich seit einem guten Jahr nicht mehr gesehen haben und man unterhält sich über alles, was in der Zwischenzeit so angefallen ist.

Als man sich verabschiedet, ist Madame Fleury glücklich - und spricht gleich danach wieder fließend französisch. Das Essen, das sollte ich nicht verschweigen, ist übrigens auch hervorragend gewesen. Wohlgenährt und mit einem frischen Munsterkäse, der den Magen aufräumt, mache ich mich an diesem Tag - es ist wahrscheinlich die HAlbzeit meiner Reise - gegen 12 Uhr 30 auf in die Vogesen.

Nachlese
(zwar schon drei Tage alt, aber sie passt gut zum heutigen Thema)

Schweizer sind ganz normale Menschen. Auf einem Rastplatz an der Autobahn zwischen Beaunne und Mulhouse, er hiess, soweit ich mich noch erinnern kann, "Aire du Bois des Servole", traf ich sie. Einen Schweizer Vater, ganz der "Schlafes Bruder" und wie Hubert von Goisern gekleidet, die Mutter im 70ger Jahre Gypsi-Look (sprich: mit einem Rock über den Kniestrümpfen, der voller Rosenmotive ist, aber wohl eher ein graubündener Original war. Und ihr Strickpullover hatte wohl schon so manchem Wetterumschwung in den Alpen standhalten müssen), drei Kinder - natürlich zwei Jungen und ein Mädchen - und einen Wohnwagen. Der Schweizer ist da schon patriotisch und fährt natürlich keinen aus dem Ausland sondern, ganz klar, einen "Bürstner". 

Ausgerüstet wie für eine Gletscherinspektion machten sie Rast am Rande der Autobahn zwiscxhen Beaunne und Mulhouse. Sie frühstückten ausgiebig mit viel Brot und Käse, die gewählte Reiserichtung ließ erraten, dass sie sich gerade auf den Weg gemacht hatten aus der Schweiz in nördlichere Gefilde zu reisen - Brot und Käse waren natürlich aus der Schweiz mitgebracht worden. Man konnte es sich gut denken: Nur widerstrebend hatte der Vater auf die Mitnahme seines Gewehres verzichtet, das er als guter Alpenpatrioti zwecks Landesverteidigung stets bei sich zu führen hat. Auf seinem blauen Joppelchen war natürlich ein Edelweiß aufgenäht und die Schweizer Nationalflagge mit dem roten Kreuz.

Der Wohnwagen war, dies muss ich wirklich und mit einen vergleichen Blick auf mein Auto gestehen, äußert sauber von außen und von innen bestimmt noch sauberer. Wenn die Schweiz es inzwischen gestattet hat, dann wäre hier wohl die Steigerungsform "am saubersten" angebracht gewesen.

Und so saßen sie nun und aßen und ahnten nicht, dass ich auf meinem Laptop nebenan alles über sie aufschrieb, was mir als Gedanken kam. Nun, gut! Wie bereits angedeutet und nur, damit ich nicht missverstanden werde: Schweizer sind sicherlich ganz normale Menschen - vor allem aus Sicht der Schweizer selbst.

Losung am 02. August

"Nicht die Vollkommenen, sondern die Unvollkommenen brauchen unsere Liebe."
(Oscar Fingal O' Flahertie Wills aka Oscar Wilde)

Mittwoch, 1. August 2012

Donnerstag 2002-08-01 | FÜR IMMER VERBUNDEN

Der achte Tag: Chalon-sur-Saône/Beaunne/Besancon/Mulhouse/Freiburg i. B./Colmar

In der Nacht gab es zum ersten Mal während meiner europäischen Reise leichten Regen und so fällt der Abschied von Chalon-sur-Saône nicht so schwer. Wieder auf den Landstraßen unterwegs muss ich mir eingestehen, dass ich dieses Land liebe. Die Sonnenblumenfelder, (wie das eine kurz vor dem Dorf Le Gauchard), die zerfallenden Steinhütten auf den Feldern und natürlich immer wieder die Hinweisschilder auf diese undoder jene "Auberge". So muss es einst Chris Rea ergangen sein, der in den 1980er Jahren immer und immer wieder durch diese Landstraßen gefahren ist, als er in Tonstudios in Frankreich seine Alben aufnahm, so lange, bis sie ihn zu seinem Album "Auberge" inspirierten, dem besten Album seines Lebens, wahrscheinlich sogar: DEM Album seines Lebens, denn es steckt so viel Autobiografisches darin. Auch sein Lebensweg war wie eine französische Landstraße.

Zuerst von dem Album gehört habe ich im Februar 1991 in Wales. Da war es gerade erschienen und gleich auf die Nr. 1 in den britischen Charts geklettert. In einem BOOTS-Geschäft war es, als ich mir das Album zum ersten Mal anhörte. Ich fand es damals allerdings nicht wirklich überzeugend, dachte, Chris Rea wäre früher besser gewesen. Schon damals war ich seiner Musik nicht abgeneigt, aber ich war kein treu ergebener Knappe des englischsten Italieners oder des südländichsten Iren, den ich als Musiker kannte.

Meine Liebe zu ihn und seienr Musik entflammte erst Anfang Mai 1993 bei einem Besuch im Elsaß. Mit meiner Frau war ich dort und mit Freunden, die den Kurztrip organisiert hatten. Gleich am ersten Abend gingen wir zum Abschluß noch in einen kleinen Klub in Colmar. Ganz so, wie man sich einen kleinen intimen Club vorstellt, in den nicht jeder hereingelassen wird. Eine kleine Klappe in der Eingangstür ging hoch, jemand musterte uns und öffnete dann die Tür. Drinnen im Club waren vielleicht fünfzehn Personen, saßen auf Stühlen, an der Bar oder in Sesseln. Viel mehr passten wohl auch nicht in den Club hinein - es war eben ein kleinen, intimer Club. Aber es lief gute Musik im CD-Spieler. Die kannte ich doch? "Auberge"?

Ich war mir anfangs nicht sicher, denn pötzlich gefiel mir jede einzelne Note, jedes Wort, jede Metapher von Chris Rea. Den zumindest hatte ich an seiner Stimme und dem Gitarrenspiel erkannt. Daran, dass mit "Auberge" plötzlich außerordertlich gefiel, konnte auch der Alkohol nicht schuld sein, denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch kaum etwas getrunken. Nein! Wahrscheinlich war es einfach diese Nacht in Frankreich, im Elsaß, der Moment,in der es passieren sollte. Mit einem Mal entstand meine Liebe und Verehrung zu Chris Rea. Und Colmar ist somit für mich und für immer mit seienr "Auberge" verbunden.

Bevor ich heute nach Colmar fahren kann, muss ich noch die angekündigte Stippvisite in Freiburg eibauen; sie soll maximal eine halbe Stunde dauern - gerade so lange, damit ich mein Paket, das inzwischen bereits verdächtig nach Käse riecht, zur Post bringen kann. Ich verlasse das Parkhaus am Bahnhof, gehe direkt in die Innenstadt und denke mir: Wo kann ich hier schnell eine Poststelle finden?

Vor einer Buchhandlung sehe ich eine ältere Frau und spreche sie an. Ob sie mir den Weg zur Post beschreiben könne. Ja, sagt sie und versucht mir klar zu machen, wie schwierig es heutzutage sei, eine Poststelle zu finden, da die sich jetzt auch in Schreibwarengeschäften befänden, weil die Deutsche Post immer mehr Filialen schließt. Dann aber sortiert sie sich wieder, ich schaue ja bereits streng auf meine Uhr, und erklärt mir den Weg zur nächsten Post und ich bedanke mich bei ihr. Gerade als ich mein Paket wieder unter den Arm nehme und weggehen will, spricht sie mich an und fragt mich, ob ich ihr nicht eines ihrer Bücher abkaufen möchte. Erst jetzt bemerke ich, dass sie die ganze Zeit über zwei Bücher in der Hand hält.


Ich schaue mir die Bücher an: "Menschen-Glück" und "Wechselnde Bäume-Träume" heißen sie und sind von Mike Korff. - Mike Korff? Ich kann mich zwar lebhaft daran erinnern, dass ich selbst eine Kunstfigur geschaffen habe, die ich Karl David Korff benannt habe. Aber dass dieser mir gegenüber irgendwann einmal einmal von seiner Mutter oder Tante gesprochen haben könnte, daran erinnere ich mich nicht. Wie könnte denn überhaupt die Mutter oder Tante von einem so bekannten Musiker heißen? Vielleicht so ähnlich, wie eine berühmte Wagner-Enkelin. Nike, vielleicht. Nike  Wagner? Und diese Frau heißt Mike Korff? Könnte diese real existierende Frau tatsächlich irgend einen Bezug zu meiner Kunstfigur haben? Mir scheint, dass ich in Freiburg eben gerade dabei bin, eine überraschende Entdeckung zu machen. Und dafür schmeiße ich gerne meinen Zeitplan über Bord.

Ich frage die Frau, die mir immer noch ihre Bücher entgegen hält, ob wir uns nicht setzen wollen. Sie stimmt zu. Wir setzen uns an ein Blumenbeet und sie fängt unaufgefordert an zu erzählen: über ihr Leben, über ihre Bücher. Geselle sei sie gewesen und das nütze ihr heute noch, da sie doch ein kleines Atellier habe und dort an einer Skulptur arbeite. Vieles habe sie in ihrem Leben schon gemacht, berichtet sie mir. In einem Museum gearbeitet, Bücher geschrieben, gezeichnet, gemalt, entworfen. Nun führe sie ein bescheidenes aber gesundes Leben und versuche die Menschen anzusprechen und auf ihre Bücher und Cassetten mit selbstkomponierten Liedern aufmerksam zu machen. Es ist unglaublich: mit einem Mal und unverhofft sitzt neben mir eine Frau, die mit Nachnahmen Korff heißt, passend zu meiner Kunstfigur für ein Buch über Rockmusik, die ich vor wenigen Monaten erst erdacht habe und sie könnte der bisher fehlende Schlüssel in Karl David Korffs Leben sein. Und das Erstaunlichste ist: Diese Frau gibt es tatsächlich und ich sitze gerade eben neben ihr, kann si alles fragen, was ich fragen will, im Sinne meiner Buch-Story fragen muss.

Und so verbringen wir fast einen halben Tag miteinander, reden über Pflanzen, über die Gesundheit, über alte Philosophen, über Gott und die Welt - so wie sie ist und so wie sie sein sollte. Frei zitiert sie Seneca, den im Jahre 4 vor unserer Zeitrechnung, also zur gleichen Zeit wie Jesus, geborenen römischen Staatsmann, Erzieher und Berater von Caesar Nero, der aber auch Philosoph stoischer Geisteshaltung war: "Belaste Dich nicht mit viel Gepäck. Nichts von dem, was wir haben ist notwendig. Kehren wir zurück zum Gesetz der Natur und unser Reichtum liegt bereit. Was wir notwendig haben ist umsonst oder die Natur. Brot und Wasser verlangt die Natur. Darum ist niemand arm. Wer darauf seinen Bedarf einschränkt, mag mit Jupiter selbst wetteifern an Glückseligkeit."


Auch die anderen Weltphilosophien sind Frau Korff nicht fremd. Mike sagt, sie habe festgestellt, dass Elefanten gerne angebunden seien, damit sie nachts, wenn sie traumwandeln aus nicht Versehen in Gruben fallen können. Auch Schweine, sagte Mike, seien allgemein schlauer als man dächte. Und dann singt sie mir ihr "Lied vom schlauen Schwein".

Ich erzähle ihr nun von meiner Reise und wir müssen lachen, als sie erfährt, dass auch ich schreibe und Musik komponiere. Am Ende kaufte ich ihr zwei Bücher und eine Cassette ab und als wir uns verabschieden und mir Mike zum Abschied ihre linke Hand reicht, an der sie einen weißen Handschuh trägt, sagt sie zu mir: "Ich habe ihnen meine Adresse in das eine Buch gelegt. Es war so schön mit Ihnen zu reden. Jetzt sind wir für immer verbunden."

Als ich am späten Nachmittag nach Colmar fahre muss ich dauernd an Mike und an Chris denken, an Colmar, die Musik, die Literatur, die Kunst und an das, was alles miteinander verbindet. Für immer.

Nachtrag zu Freiburg:

Was man durchaus nicht unerwähnt lassen sollte, ist die Tatsache, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland in einem Stollensystem in der Nähe von Freiburg seit Jahrzehnten die Geschichte ihres Landes einlagert. Vor nuklearen Strahlen wie vor saurem Regen geschützt, hat sie Deutschlands Wissenschaft, Musik, Literatur, Kunst und das, was alles miteinander verbindet, ordentlich auf Mikrofilmen archiviert und in Stahlhülsen einschließen lassen. In einer Art Fort. Für spätere Generationen. Für immer.

Losung am 01. August

"Nimm jeden Tag als ein Leben für sich."
(Seneca)

Dienstag, 31. Juli 2012

Mittwoch 2002-07-31 | PRINZENWETTER

Der siebente Tag: Saint-Marie-de-la-Mer/Arles/Orange/Lyon/Macon/Chalon-sur-Saône

Die Sonne brennt den sechsten Tag, der Wind wird immer stärker, alles ist voller Staub und so fahre ich am späten Morgen von der französischen Küste wieder nach Norden, denn da soll es ab Mittag laut "Le Figaro" bewölkt sein; ein bisschen weniger Sonne könnte mir schon gefallen. Also fahre ich zurück nach Chalon-sur-Saône. Die Hektik des 'Sud' hinter mir lassend bin ich wieder auf der Landstraße unterwegs. Ich muss an Antoine de Saint-Exupéry denken. Er war auch nach Norden unterwegs, die Sonne und den Staub hinter sich lassend und es war ebenfalls an einem 31. August. In einem Flugzeug war er von der Insel Korsika Richtung Norden zur französischen Cote d‘Azur gestartet und kehrte nie mehr zurück. Seine Geschichte des kleinen Prinzen hatte er da bereits geschrieben, aber wegen des Krieges war sie noch nicht veröffentlicht.

Die Idee zur Geschichte über den melancholischen Prinzen war ihm gekommen, weil er selbst in der Familie als kleiner Junge immer nur 'Le Roi Soleil' / 'Der Sonnenkönig', genannt worden war. Jeden Sommer durfte er Monate auf einem Schloß in Savoyen verbringen und im Winter war er in Südfrankreich an der Cote d’Azur. Er war wirklich ein verwöhnter Sonnenkönig. Was lag da näher, als 'Le Roi Soleil' in der Wüste auf einen kleinen Prinzen treffen zu lassen?

Antoine wollte Erfinder werden, Dichter oder Pilot. Die riesigen Ländereien seiner Familie wollte er mit einem ausgeklügelten Bewässerungssystem versehen; exakt plant er es. Und "Saint-Ex" lernt fliegen, damit er alles von oben aus besser sehen kann. Aber Fliegen kann auch manchmal langweilig sein. Und so denkt er sich Geschichten aus mit amüsanten Titeln wie "Autobiographie eines Zylinders". Antoine schreibt die Geschichten auf in kleine Hefte. Ärgerlich, dass man sie nur zur Kenntnis nimmt, um seine völlige Ignoranz der Regeln der Rechtschreibung zu kritisieren. So etwas interessiert einen Sonnenkönig nicht! Er verlegt sich daher auf die schönen Künste, studiert Architektur und verdingt sich als Statist beim Theater. Seine wohlsituierte Familie unterstützt ihn Zeit seines Lebens großzügig, fördert jede, auch nur so kleine Neigung Antoines immer wieder aufs Neue.

Im Frühjahr 1921 wird er in die französische Armee einberufen und lässt sich, natürlich, einer Luftwaffeneinheit zuteilen. Diese ist im, von Deutschland neu eroberten, Elsass stationiert. Leider haftet "Saint-Ex" der Ruf an, ein Bruchpilot zu sein und so wird er schon bald nach Le Bourget versetzt. Schon wieder diese Ignoranz. Er wurde allein deshalb nach Paris versetzt, weil er seinen ersten Alleinflug mit qualmendem Motor und versengter Uniform absolviert hat. Aber seinen Spitznamen hatte er nun weg: 'Pique la Lune' - der Franzose weiss, was damit gemeint ist...die Übersetzung "Träumer" trifft es nicht einmal im Ansatz.

Sein Offizier ist sich sicher: "Der Kerl wird nicht im Bett sterben". Nach einem weiteren spektakulären Absturz, den er fast unversehrt überlebt, quittiert er schon 1923 den Dienst, versucht sich als Geschäftsführer einer Ziegelei, dann einer Autofirma. Wie langweilig! Also wechselt Antoine de Saint-Exupéry wieder zurück zur Fliegerei und wird Postflieger in Südamerika. Endlich findet er einen Freund, der auch seine Bücher mag: André Gide. Ihm schickt er alle seine Geschichten und längeren Werke. Dieser notiert 1931: "Antoine hat aus Argentinien ein neues Buch und eine neue Verlobte mitgebracht. Habe das eine gelesen, das andere gesehen. Habe ihn herzlich beglückwünscht."

Im zweiten Weltkrieg ist "Saint-Ex" auf Korsika stationiert. Er erlaubt sich einige Alleingänge, die das Militär nicht gerne sieht, aber es ist ja schließlich Krieg und gerade bei den Fliegern braucht man jeden Mann. Am 31. Juli 1944 startet 'Le Roi Soleil' ohne Erlaubnis zu einem 'Aufklärungsflug', so nennt man einen Flug ohne festes Ziel. Es wurde sein Flug in die Ewigkeit.

Bei meinem 'Flug' zurück in die Mitte Frankreichs stimmt diesmal die Richtung der Sonne für die Photos und hinter Orange hole ich die Kamera wieder aus dem Versteck, denn man hatte mich vor Südfrankreich gewarnt: Die Menschen dort wären sehr arm, würden keine Autos besitzen, dafür aber eine große Leidenschaft für das Fotografieren. Deswegen mögen sie manche Dinge eben sehr, sehr gerne. Bei mir ging jedenfalls alles gut und am frühen Nachmittag hatte ich drei Filme verknipst, darunter von Sonnenblumen- und Konnfeldern, und war wieder zurück in Chalon. Wie schön kann es doch sein, eine flüchtige Bekannte wieder zu treffen und die noch frische Erinnerung nochmals auffrischen zu können. Und ich hatte Zeit für einen literarischen Nachmittag und Abend mit gelegentlichem warmen Nieselregen bei 27 °C.

Ein Theaterstück will fortgeführt werden; "Eichenlaub"-Regisseur Rainer W. Fassauer hat gerade live im TV ein Interview mit Bettina Ernst zu überstehen. Natürlich schafft er es. Bleibt also noch Zeit für eine kleine Geschichte, die hier erzählt werden kann. Eine Episode aus dem Leben eines kleinen Prinzen, der sich von einer Schlange sein Rückflugticket geholt hatte und wieder auf seinem Asteroiden B 612 angekommen ist. Es ist noch vor der Zeit, als Jean-Pierre Davidts auf ihn trifft, der anschließend Antoines Geschichte weitererzählt. Davids nannte sie "Le petit prince retrouvé" und in seiner Geschichte erzählt er, wie der kleine Prinz auf die Erde zurückkehrt.

Ich jedoch erzähle in meiner Geschichte "Le retour dans B 612" davon, wie ein kleiner Prinz zuu aller erst auf seinen Asteroiden zurückkehrt und was er dort erlebt. Ob es DER kleine Prinz ist, kann ich aus rechtlichen Gründen nicht sagen. Einige Episoden von "Le retour..." habe ich bereits fertig (jawohl, dieses Mal stimmt der Satz). Heute aber schrieb ich im Gedenken an den letzten Flug von "Saint-Ex"eine besondere Episode:


II.

Nun war er also wieder auf dem Weg zurück zu seinem Asteroiden. Antoine, den Piloten, hatte er in der Wüste zurück lassen müssen. Aber das war nicht schlimm, da würde er schon wieder herauskommen, auch wenn seine Maschine dafür vielleicht nicht die beste Möglichkeit darstellte.

Manches, was Antoine ihm erzählt hatte, verstand er nicht. Wieso ist es für einen Piloten das schönste, bei einem Nachtflug zu sterben? Antoine hatte ihm gesagt, dass man dann über sich die ganzen Sterne und unter sich seine geliebte Erde hat. Ein kleiner Prinz musste nicht alles verstehen, dachte er sich und er fragte sich, ob Antoine wirklich ein Buch über ihn schreiben würde und ob dann später in den Buch auch alles wieder zu finden war, worüber an sich unterhalten habe. Und so verging die Zeit und als es schon begann ihm langweilig zu werden, als er schon auf mehr als 720 Asteroiden die Schafe gezählt hatte, da kam er doch tatsächlich wieder zurück zu seinem Asteroiden.

Er erkannte ihn sofort, denn alles war noch so, wie er ihn verlassen hatte. Die Rose stand geschützt unter einer Glashaube, die Schlote der Vulkane hatten zwar etwas Ruß angesetzt, aber noch nicht genug, dass es für einen kleinen Prinzen unmöglich gewesen wäre, sie zu reinigen. Hier und da spriesste etwas Unkraut aus dem Boden und er konnte schon gut unterscheiden, ob es sich um Rosen oder Sprösslinge von Affenbrotbäumen handelte. Ein kleiner Prinz, dachte er, könnte die leicht in einer Stunde harter Arbeit mit seinen Händen herausreißen. Andererseits hatte er ja auch noch sein Schaf. Er holte Antoines Zeichnung mit der Schachtel hervor und sah nach dem Schaf.

Vorsichtig öffnete er die Schachtel. ‘Hallo, mein Schaf’ sagte er und fügte im nächsten Moment überrascht hinzu ‘...wie siehst Du denn aus.’ Das Schaf war während der Rese zurück auf den Asteroiden schwarz geworden. ‘Ich bin schwarz geworden.’ sagte das Schaf. ‘Ein kleiner Prinz sieht so etwas sofort,’ entgegnete er und fügte hinzu ‘...gab es dafür einen bestimmten Grund?’. Er machte sich bereits Vorwürfe, weil er vor seiner Abreise von der Erde an alles gedacht hatte, nur nicht daran, dass sein Schaf während der Reise schwarz werden könnte. ‘Daran ist meine Familie schuld.’ sagte das Schaf. Seit Generationen gibt es bei uns nur weisse Schafe. Sogar meine Schwester, die alles Talent hätte, ein schwarzes Schaf zu sein, ist am Ende trotzdem weiss geblieben.’ ‘Das erklärt immer noch nicht, weshalb Du schwarz geworden bist.’ sagte der Prinz ratlos.

‘Mit Familien, musst Du wissen...’ sagte das Schaf ‘...ist es so: Auch wenn sie keine Schafsfamilien sind, hätten sie gerne, dass ein Mitglied der Familie ein schwarzes Schaf ist. Früher hat man einen Sündenbock gesucht und daraus wurde heutzutage das schwarze Schaf.’ ‘Das verstehe ich’, sprach der Prinz. ‘Und weil es bei Dir in der Familie kein schwarzes Schaf gibt, hat man beschlossen, dass Du es werden sollst.’ Er war froh, ein Schaf zu haben, das etwas besonderes war. ‘Und hast Du Dich darüber gefreut?’ fragte er das Schaf. ‘Darüber kann man sich nicht freuen’ sagte das Schaf streng zu ihm. ‘Ein schwarzes Schaf ist niemand gerne.’

Das Schaf sah, wie sein kleiner Prinz es ratlos anschaute und musste lachen. ‘Wieso schaust Du mich an, wie ein Schaf.’ Der Prinz beschloss, die Unterhaltung mit dem Schaf zu beenden. Wahrscheinlich wusste es noch nicht, dass es nun, da es schwarz war, ein besonderes Schaf geworden war. Außerdem schien albern zu sein. Auf der Erde war ihm das noch nicht aufgefallen. Was sagte es da zu ihm? Er täte es, obwohl er doch ein kleiner Prinz war, anschauen wie ein Schaf. Er fand das äußerst anmaßend von den Schaf, für das er doch so viel getan hatte. Und nun ist es auch noch albern geworden, nur weil er nicht daran gedacht hatte, es richtig zu beschützen. Ratlos und etwas eingeschnappt legte er sich schlafen.

Am Ende, dachte er sich so beim Einschlafen, würde vielleicht noch seine Familie kommen und ihm verkünden, er müsse unbedingt ein schwarzes Schaf werden. Ein schwarzes Schaf, ein schlafenden schwarzes Schaf, ein albernes anmaßendes schlafendes schwarzes Schaf. Dachte er und dann schlief er ein.

So geht für mich der Juli 2002 in Frankreich zu Ende. Zwei Tote sind zu beklagen, die vielleicht noch etwas länger gelebt hätten, wenn sie in ihren jeweiligen Leben manche Dinge anders betrachtet oder gewertet hätten. Aber hätten sie dann auch ihre unvergleichlichen Werke schaffen können? Die Antwort darauf, die kennt wahrscheinlich nur der, in Chalon heute Abend immer stärker werdende, Wind.

Morgen früh werde ich in das Elsaß fahren. Vielleicht finde ich dort zufällig den Flughafen, den Antoine kurz kennenlernen durfte. Zuvor mache ich sogar noch einen kleinen Abstecher zurück nach Deutschland, um ein Paket mit französischem Käse, das meine Familie bei mir bestellt hatte, per Deutscher Post nach Hause zu schicken.

Losung am 31. Juli

"Es gab einmal ein Zeitalter - es war das griechische -
da war der Mensch das Maß aller Dinge.
Heute sind die Dinge das Maß aller Menschen."
(Werner Finck)

Montag, 30. Juli 2012

Dienstag 2002-07-30 | ABSTECHER ANS MEER, OHNE ES ZU BETRETEN

Der sechste Tag: St. Remy/Macon/Lyon/Orange/Arles/Saint-Marie-de-la-Mer

In Macon fängt der Süden Frankreichs an, sagt man; Macon ist sozusagen die nördlichste Stadt Südfrankreichs. Dass Macon vor vier Tagen Ankunftsort der vorletzten Etappe der Tour de France '02 war, sieht man noch überall. Stolz wie echte Sportler fahren die Menschen in Macon durch ihre Stadt. Selbstverständlich nicht auf dem Fahrrad. Dafür gibt es ja die Tour. Nein: Der junge urbane Franzose bewegt sich auf dem Motorrad durch die Gassen, dies mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit und natürlich gekonnt. Die junge urbane Französin zieht da eher das Automobil vor, denn sollte sie auf dem Sozius sitzen, dann bestimmt nicht lange. Das bedingt schon allein das Gesetz der Schwerkraft. Sie fährt also deshalb Automobil und dies mit ebenso irrwitziger Geschwindigkeit wie der männliche Motorradfahrer. Dass beide keine schweren Unfälle verursachen, ist im grunde nur logisch und liegt in der Natur der Sache: beide bewegen sich so schnell im Straßenverkehr, dass die Chance eines Zusammenpralls reziprok zur Geschwindigkeit abnimmt.

Dieses Mal habe ich die Landstraße gewählt, nicht wegen der jungen urbanen Franzosen, sondern weil die Landstraße nicht so stark befahren ist wie die Autobahn und man dort auchviel mehr sehen kann. Je weiter man nach Süden vorstößt, desto mehr Sonnenblumenfelder gibt es und natürlich Kornfelder, die teilweise gerade frisch gemäht wurden (ich vergaß zu sagen, dass es nach wie vor heiß ist. Auch vergaß ich zu erwähnen, dass ein Mann, der gestern vor 112 Jahren gestorben ist, Sonnenblumen- ebenso wie Kornfelder sehr geliebt hat).

Auf meiner Reiseroute des heutigen Tages liegen laut "Le Figaro" die heißesten Orte Frankreichs an diesem 30. Juli 2002. Dazu zählt auch Orange, die Stadt, der die Holländer ewig dankbar sein müssten, denn ohne sie gäbe es die Oranier nicht, deren britischer Zweig jedes Jahr geräuschvoll durch Belfast marschiert, dessen niederländischer Stamm aber seit dem Abfall von Spanien, geschehen auf den Tag genau vor 421 Jahren - man lese nach bei Friedrich Schillers grandiosem Frühwerk "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischem Regierung" - das Land der Windmühlen (und somit auch die Heimat des Mannes, der sich einst in die Brust geschossen hat) regiert und den Oranje-Kult kreierte.

In der Stadt Orange in Frankreich waren dagegen früher die Römer zugange und es gibt dort noch ein fast unbeschädigtes Amphietheater (zu dem wir Europäer des 21. Jahrhunderts "Open-Air-Bühne" sagen würden). Das Amphietheater in Orange hat noch die originale Bühne und ein echter römischer Augustus Kopf steht daneben. All das hat die Jahrtausende unbeschädigt überstanden und ich fand es im heißen und staubigen Orange. Ja, es ist durchaus staubig geworden im Rhonetal.

Ich verlasse Orange am Mittag und fahre noch weiter südlich nach Arles, der Stadt die der un-heilige Vincent so geliebt hat. Wie oft er die Landschaft um Arles (...das ‚...es‘ spricht der Franzose nicht aus; die Stadt wird daher einfach ‚Arl‘ genannt...) in leuchtenden Farben malte oder Details aus der Umgebung kann man schon kaum noch aufzählen. Vor allem, weil er oft ein altes Bild übermalte, weil er keine neue, frische leinwand mehr hatte.


Auch Saint-Marie-de-la-Mer, unweit von Orange, liebte er, malte die Zugbrücke oder die Fischerboote am Mittelmeer. Saint-Marie ist Wallfahrtsort der Gypsies, die wir Deutschen trotz Bregovics "Time of the Gypsies" und der musikalischen Erfolge der Gypsy Kings, nach wie vor und zu oft Zigeuner nennen. Nun, diese Menschen treffen sich in Saint-Marie-de-la-Mer, waschen dort ihre Madonnastatue und das scheint gar nicht mehr so lange hin zu sein, bis zur nächsten Wäsche, denn bei Lidl (...tja, es gibt in Europa ja schließlich nicht nur unseren Aldi)...bei Lidl also, wo ich heute einkaufe, war alles voller weiblicher Gypsies. Oder wie nennt man sie? Gypserinas? Gut, jedenfalls sind auch die anscheinend äußerst preisbewusst.

Zu meiner Schande muß ich hier auch noch gestehen, dass ich mich bei Lidl noch besser zurechtgefunden habe, als gestern bei Aldi. Es gab bei Lidl in Saint-Marie-de-la-Mer für mich noch mehr Produkte mit Wiedererkennungswert, viele sogar mit deutschem Erstaufdruck und die französische Gysieuse muss dann auf der Rückseite nachlesen, um was es sich bei dem angebotenen Produkt in Wirklichkeit handelt. Auch hier kann man mit Kreditkarte zahlen und davon hatten die - nennen sie sich vielleicht GypsiInnen oder Gypsiefrauen? Ich gebe zu: ich habe keine Ahnung - jedenfalls hatten sie eine Menge davon.

Aber Arles liegt auch nahe Marseille, der Stadt von der die Franzosen die Marseillaise übernommen haben und die dafür als Dank jede Menge nordafrikanische Einwohner bekommen hat. Deshalb wundert es mich nicht, wenn bei Lidl neben - einigen wir uns jetzt bitte endgültig auf: Romanistinnen - auch Algerierinnen einkaufen. Dies muss Lidl schon vorher gewusst haben, denn man kann dort im Supermarkt etwas kaufen, was es sonst nirgends gibt: Couscous. "Voorgekookt" besagt die Packung und "Eerste Kwaliteit". Das macht mich neugierig und ich lese nach. Tatsächlich stammt das Couscous nicht direkt aus Afrika sondern wurde in Belgien für Lidl "geproduceerd". Ah, denke ich, deshalb auch die Angaben über "Ingredienten" und "Energetische waarde" auf der Packung. - Ob’s die algerische Mutter mit drei Kindern und einem vierten im Bauch interessiert? Auf jeden Fall ist Arles aus meiner sicht ein weiterer Beweis für das Zusammenwachsen Europas, jedenfalls, was das Essen betrifft.

Übrigens kann man auch nach Arles oder nach St.-Marie fahren um im Meer baden zu gehen. Mir war es jedoch viel zu voll am Strand. Fischerboote, wie bei Vincent, lagen keine im Sand und ins Meer gehen kann man woanders auch, dachte ich mir. Viel interessanter war für mich die Tatsache, dass die jungen urbanen Französinnen und Franzosen hier mindestens noch eine Ecke schneller fahren, als in Macon. Ob das an der Nähe zu Marseille und St. Tropez liegt oder an den Filmen des Cinema Noire mit Ventura, Delon oder Noiret? Ich kann es nicht sagen, denke aber dass sich aus den dort gezeigten Verfolgungsjagden der ur-menschliche Jagdtrieb wieder ausgebildet hat und viele Franzosen denken wahrscheinlich, dass alle Welt denkt, dass Franzosen einfach so fahren müssen. Könnte darin nicht ein kleines Körnchen Wahrheit liegen?

Losung am 30. Juli

"Schreckliche Molukken, mit braunen Gesichtern, Herr Kommissar!"
(Louis de Funes in "Les Aventures de Rabbi Jacob")